Die Kernfrage
Du willst ein LLM mit eigenem Wissen ausstatten. Zwei Wege führen zum Ziel:
- RAG: Relevante Dokumente zur Laufzeit abrufen und dem LLM als Kontext mitgeben
- Fine-Tuning: Das LLM auf eigenen Daten weiter trainieren
Beide Ansätze haben ihre Stärken – die richtige Wahl hängt von deinem Use Case ab.
Wann RAG?
RAG ist die richtige Wahl, wenn:
- Deine Daten sich häufig ändern (Produktkataloge, Dokumentation, News)
- Du schnell starten willst (Tage statt Wochen)
- Nachvollziehbarkeit wichtig ist (Quellen zitieren)
- Du kein ML-Team hast
- Daten sensibel sind und nicht ins Training fließen sollen
Typische RAG Use Cases:
- Kundenservice-Bot mit Wissensdatenbank
- Dokumenten-Q&A (“Was steht in Vertrag X?”)
- Interne Unternehmenssuche
Wann Fine-Tuning?
Fine-Tuning ist die richtige Wahl, wenn:
- Du einen spezifischen Stil oder Tonalität brauchst
- Das Modell Domänen-Denkpfade lernen soll (Antwortstruktur, Prioritäten)
- Du volle Kontrolle über das Modell brauchst (Self-Hosting)
- Latenz kritisch ist (kein Retrieval-Overhead)
- Du ein kleineres, spezialisiertes Modell willst
Wichtig: Fine-Tuning lehrt dem Modell Verhalten, nicht zuverlässig neues Wissen. Das Modell lernt:
- Antwortstruktur und Denkpfade
- Sprachmuster und Tonalität
- Prioritäten bei der Antwortgenerierung
Nicht zuverlässig lernbar:
- 10.000 neue Produktdaten
- Ständig wechselnde Fakten
- Konkrete Zahlen und Daten
→ Das bleibt RAG-Territorium.
Typische Fine-Tuning Use Cases:
- Medizinische/juristische Fachsprache
- Code-Generierung für spezifische Frameworks
- Marken-Tonalität konsistent halten
Die Kombination: Best of Both Worlds
Für viele Anwendungen ist die Kombination optimal:
Fine-Tuned Model (Stil, Domänen-Verständnis)
+
RAG (aktuelle Fakten, Dokumente)
=
Spezialisiertes Modell mit aktuellem Wissen
Typische Produktions-Architektur:
1. Embeddings + Vektordatenbank
2. Retrieval (relevante Dokumente finden)
3. Re-Ranking (beste Treffer priorisieren)
4. Fine-Tuned LLM (Antwort generieren)
5. Optional: Guardrails (Qualitätssicherung)
Beispiel: Ein Rechtsassistent mit Fine-Tuning für juristische Sprache und RAG für aktuelle Gesetze und Urteile.
Entscheidungsbaum
Brauchst du aktuelles/sich änderndes Wissen?
├── Ja → RAG (oder RAG + Fine-Tuning)
└── Nein
└── Brauchst du spezifischen Stil/Reasoning?
├── Ja → Fine-Tuning
└── Nein → Prompting reicht vielleicht
Kosten-Vergleich
| Kostenfaktor | RAG | Fine-Tuning |
|---|---|---|
| Setup | Vektordatenbank, Embedding-Pipeline | Training-Infrastruktur, Daten-Aufbereitung |
| Laufend | Mehr Tokens pro Anfrage, DB-Hosting | Modell-Hosting (oder API-Kosten) |
| Updates | Dokumente neu embedden (günstig) | Retraining (teuer) |
Faustregel: RAG ist günstiger bei unter 100k Anfragen/Monat. Bei sehr hohem Volumen kann ein spezialisiertes Fine-Tuned Modell günstiger werden.
Strategische Empfehlung nach Phase
| Phase | Empfehlung |
|---|---|
| MVP | RAG |
| Product-Market-Fit | RAG + Prompt-Optimierung |
| Skalierung | Hybrid (RAG + Fine-Tuning) |
| Sehr hohe API-Kosten | Fine-Tuning evaluieren |
Für 80% der Web-Use-Cases reicht: RAG + gutes Prompting + sauberes Retrieval. Fine-Tuning ist oft eine Optimierung, kein Startpunkt.